{"id":2737,"date":"2018-06-05T09:09:34","date_gmt":"2018-06-05T07:09:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clb-berlin.de\/?p=2737"},"modified":"2018-11-01T11:12:59","modified_gmt":"2018-11-01T10:12:59","slug":"editorial-oder-how-to-talk-about-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.clb-group.de\/en\/editorial-oder-how-to-talk-about-art\/","title":{"rendered":"Editorial. Oder: How to talk about art?"},"content":{"rendered":"<p><em>Informieren, er\u00f6rtern, diskutieren<\/em> \u2013 das sind die Aufgaben, die wir mit diesem Blog erf\u00fcllen m\u00f6chten. Material hierf\u00fcr gibt es reichlich: Texte zu Projekten, die bei uns realisiert werden; \u00dcberlegungen zu aktuellen Entwicklungen in Berlin oder Positionen zu kulturellen Zeitfragen.<\/p>\n<p>Unsere Themen kreisen wie unser Veranstaltungsprogramm um zeitgen\u00f6ssische Kunst, Kulturwissenschaft und Urbanismus. Was sie verbindet ist unser Interesse an einer lebendigen Stadtgesellschaft und kulturell orientierten Stadtentwicklung, in der all das seinen Platz findet, was zu einem lebenswerten urbanen Lebensraum geh\u00f6rt. Konzeptionell zugespitzt k\u00f6nnte man auch von einer praktischen und theoretischen Erforschung des Raumes und seiner Grundlagen sprechen \u2013 von biochemische Prozessen der Selbstorganisation \u00fcber gebaute Architekturen und Infrastruktursysteme bis zu imagin\u00e4ren R\u00e4umen und Zeichenwelten, die sich in visuellen Kompositionen, musikalischen Strukturen oder theoretischen Geb\u00e4uden artikulieren k\u00f6nnen. Angesichts unserer bescheidenen M\u00f6glichkeiten w\u00e4re dies zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt aber vielleicht noch etwas hochtrabend formuliert.<\/p>\n<p>Da uns nicht der Raum ansich, sondern der Raum als Lebensraum interessiert, geht es dabei immer auch um dessen Bedeutung f\u00fcr das soziale oder besser \u00f6kologische Miteinander. Mit all seinen allt\u00e4glichen Herausforderungen, Verr\u00fccktheiten und Absurdit\u00e4ten. Das erfreuliche Scheitern von gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Planungsvisionen z\u00e4hlt ebenso dazu wie das tragische Bem\u00fchen von ohnm\u00e4chtigen B\u00fcrgerinitiativen um M\u00f6glichkeiten der Partizipation und Mitbestimmung. Es geht um die Kraft der Phantasie, aber ebenso um die Macht des Geldes und die Funktionsweise der Politik.<\/p>\n<p>Dementsprechend versuchen wir ganz bewusst, verschiedene Felder miteinander zu verkn\u00fcpfen, die auf den ersten Blick vielleicht etwas weit voneinander entfernt zu liegen scheinen. Im CLB treffen Positionen und Perspektiven aus ganz unterschiedlichen Wissenswelten und Wissensformen aufeinander. Es sind Architektinnen und Stadtentwickler, Gestalterinnen und Designer, Bildende K\u00fcnstlerinnen und Kuratoren, Wissenschaftlerinnen und Publizisten, Autorinnen und Theatermacher, Musikerinnen und Komponisten, Vertreter von Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, aus Politik und Verwaltung.<\/p>\n<p>Diese bunte Mischung hat unwillk\u00fcrlich Konsequenzen f\u00fcr die Art und Weise wie \u00fcber Kunst gesprochen wird. Die Herausforderung besteht vor allem darin, eine Sprache zu formulieren, die das jeweilige Fachwissen pr\u00e4zise auf den Punkt bringt und zugleich allgemein verst\u00e4ndlich bleibt. Das impliziert zum einen die Bereitschaft, sich verst\u00e4ndlich auszudr\u00fccken, und zum anderen die Bereitschaft, sich auf einen \u2013 mitunter durchaus missverst\u00e4ndlichen &#8211; Dialog mit widerstreitenden Positionen einzulassen. Im Kern ist das nichts anderes als gelebte demokratische Kultur eines offenen Meinungsaustausches. Praktizierte Diskursethik k\u00f6nnte man auch sagen. Aber so trivial und selbstverst\u00e4ndlich diese kultivierte Form der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung auch erscheinen mag, ist sie doch gerade heute von besonderer Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Man muss nicht den Tweets von Donald Trump folgen, den medialen Verwirrspielen um Fake-News oder den verletzenden Kommentaren in den sozialen Medien, um zu erkennen, wie bedroht unsere demokratische Kommunikationskultur im Innern ist. Es gen\u00fcgt, die Einrichtung einer \u201eVertrauensstelle gegen sexuelle Bel\u00e4stigung und Gewalt\u201c f\u00fcr die Theater-, Film- und Musikbranche zur Kenntnis zu nehmen. Einen fl\u00fcchtigen Blick auf die geh\u00e4ssigen Plakate mit \u201eTsch\u00fcss, Chris\u201c zu werfen, die den Abschied von Chris Dercon von der Volksb\u00fchne kommentierten. Oder auch einer Pressekonferenz zur documenta 2017 beizuwohnen, bei der Adam Szymczyk als leitender Kurator \u2013 und damit ja auch gewisserma\u00dfen oberster Kunstvermittler &#8211; hinter einer Wolke selbstreferentiellen Theorienebels verschwand.<\/p>\n<p>So unvergleichbar all diese kommunikativen Akte auch sein m\u00f6gen, so bezeugen sie doch ein \u00e4hnliches Problem: den Unwillen oder vielleicht auch einfach die Unf\u00e4higkeit, sich mit anderen auf wertsch\u00e4tzende Art und Weise zu verst\u00e4ndigen und auch Zeitgenossen au\u00dferhalb der eigenen Blase als ernstzunehmende Gespr\u00e4chspartner anzuerkennen.<\/p>\n<p>Wie viele Theoretiker haben sich in den letzten drei\u00dfig Jahren nicht an der \u201eAndersartigkeit des Anderen\u201c abgearbeitet?! Wie viele K\u00fcnstler haben nicht an der Erweiterung unserer Sensibilit\u00e4ten f\u00fcr das darstellbare und undarstellbare Leiden anderer mitgewirkt?! Und wie viele Aktivisten haben nicht f\u00fcr die Rechte von Minderheiten gek\u00e4mpft?!<\/p>\n<p>Heute m\u00fcssen wir nicht selten hilflos beobachten, wie all diese Errungenschaften von fragw\u00fcrdigen Akteuren aufgegriffen und in ihr Gegenteil verkehrt werden: \u201eDas wird man ja wohl noch sagen d\u00fcrfen\u201c leitet dabei in der Regel eine Behauptung ein, die sich zwar auf den Schutz der \u2013 eigenen &#8211; minorit\u00e4ten Meinung beruft, letztlich aber in aller H\u00e4rte gegen Andersdenkende wendet.<\/p>\n<p>Ja, in einer demokratischen Kultur muss vieles gesagt werden k\u00f6nnen. Auch das, was uns nicht gef\u00e4llt. Um sich aber tats\u00e4chlich einander anzun\u00e4hern und Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander zu entwickeln, bedarf es mehr, als sich nur Meinungen oder Argumente einander an den Kopf zu werfen. Es bedarf eines Mindestma\u00dfes an Bereitschaft, einander zuzuh\u00f6ren, sich aufeinander einzulassen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Mit anderen Worten: es Bedarf eines Mindestma\u00dfes an Empathie.<\/p>\n<p>Traditionellerweise ist eben diese Empathie, dieses Mitgef\u00fchl oder auch Mitleiden das Feld der K\u00fcnste, des Theaters, der Literatur. Vor dem skizzierten Hintergrund wird aber deutlich, dass es viel mehr ist: dass unsere demokratische Kultur im Kern nur dann funktioniert, wenn sie nicht allein auf Recht und Gesetz und auch nicht allein auf wissenschaftlich-rationaler Argumentation, sondern auf einem Mindestma\u00df an Mitgef\u00fchl f\u00fcr unsere Mitmenschen gr\u00fcndet. Auf \u201eBr\u00fcderlichkeit\u201c k\u00f6nnte man auch sagen, oder \u201eSolidarit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Einer derjenigen, der die Frage nach Erkenntnis eng mit der Frage nach Solidarit\u00e4t verkn\u00fcpft hat, war der amerikanische Pragmatist Richard Rorty (1931-2007). Er ist f\u00fcr uns heute vor allem deshalb interessant, weil er eine Art philosophisch begr\u00fcndeter Kulturpolitik skizzierte. In seinem Buch \u201eKontingenz, Ironie und Solidarit\u00e4t\u201c von 1989 f\u00fchrte er aus, inwiefern unsere \u00dcberzeugungen letztlich immer auch dem Zufall geschuldet sind. Wie wenig wir unser Verhalten deshalb mit letzten Wahrheiten rechtfertigen k\u00f6nnen. Und warum es deshalb schlimmer ist, einem Menschen zu dem\u00fctigen, als einen theoretischen Irrtum zu begehen. Was daraus folgt, sei zweierlei: Erstens ein gewisses Ma\u00df an Selbstironie, das die eigenen \u00dcberzeugungen nicht wichtiger nimmt als n\u00f6tig. Und zweitens ein aktives Bekenntnis zur Solidarit\u00e4t mit unseren Mitmenschen, wie mit anderen Lebewesen und der Umwelt. \u201eAktiv\u201c deshalb, weil es darum geht, nicht einfach nur zuzuschauen, sondern \u00f6ffentlich daf\u00fcr einzutreten, dass die \u201eDem\u00fctigungen des Menschen durch den Menschen\u201c geringer werden.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf den Kultur- und Wissenschaftsbetrieb k\u00f6nnte das hei\u00dfen, dass man die Pluralit\u00e4t der Positionen und Perspektiven nicht als Konkurrenz oder gar Bedrohung wahrnimmt, sondern als Bereicherung. Dass man der Vielfalt von Stimmen, Geschichten und Narrativen ganz bewusst Raum einr\u00e4umt. Und dass man endlich auch \u2013 wie j\u00fcngst von der #MeToo Bewegung angesto\u00dfen \u2013 soziale Missst\u00e4nde und Machtmissbrauch in \u00f6ffentlichen Kultureinrichtungen bek\u00e4mpft. Es bedeutet auch, dass man eine kommunikative Praxis und Sprache pflegt, die nicht auf Distinktion und Differenz zielt, sondern auf \u00c4hnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Die nicht das Trennende und Hierarchisierende, sondern das Verbindende und Gemeinschaftliche in den Vordergrund stellt.<\/p>\n<p>Wenn wir nun also diesen Blog starten, dann geht es ganz bewusst auch um die Frage nach der Art und Weise, wie wir hier \u00fcber Kunst, Kulturwissenschaft und Urbanismus nachdenken, schreiben und diskutieren wollen. Wie wir unsere eigene Kommunikationskultur und Diskursethik pflegen und weiterentwickeln wollen. Und wie wir dies nicht einfach nur als Stil, sondern als politische Haltung tun k\u00f6nnen. Eine Haltung, die immer auch ein Qu\u00e4ntchen an Selbstironie mit beinhaltet.<\/p>\n<p>F\u00fcr all diese Fragen haben wir momentan eher offene Ans\u00e4tze als fertige Antworten zu bieten. In diesem Sinne betrachten wir diesen Blog auch als ein \u00dcbungsfeld f\u00fcr unsere eigene kommunikative Praxis. Das Ziel besteht hierbei darin, eine Sprache zu finden, die den Anforderungen der K\u00fcnste und Wissenschaften ebenso gerecht wird, wie den Anforderungen der res publica \u2013 der \u00d6ffentlichkeit und Politik. Das passendste Format daf\u00fcr scheint uns der Essay zu sein \u2013 also der <em>Versuch<\/em> \u00fcber einen Gegenstand mit durchaus subjektiver F\u00e4rbung. Wer sich an dieser kleinen \u00dcbung k\u00fcnftig beteiligen m\u00f6chte, ist herzlich eingeladen, das in Form von Kommentaren oder eigenen Beitr\u00e4gen zu tun. Die Plattform ist er\u00f6ffnet \u2013 wir sind gespannt, was daraus wird&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Informieren, er\u00f6rtern, diskutieren \u2013 das sind die Aufgaben, die wir mit diesem Blog erf\u00fcllen m\u00f6chten. 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